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40 Jahre Friedrich-Realschule


Zur Entwicklung des Mittelschulwesens in Weinheim

Mit Beginn des Schuljahres 1970/71 vollzogen sich im Weinheimer Schul­wesen weitreichende organisatorische Veränderungen, die nahezu alle Schulen berührten: die neue Gesamtschule in der Mult nahm ihren Un­terricht auf, die Friedrich-Realschule wurde gegründet, Grund- und Hauptschulen wurden aufgehoben oder verlegt, Schulbezirke wurden neu festgelegt - Umstrukturierun­gen in einmaligem Umfang. Im Zusammenhang mit diesen Umgestaltungen nahm eine selbstständige Realschule in der Friedrichschule ihren Unterricht unter ihrem Schulleiter, Herrn Reinhold Wagner, auf, unterstützt von Herrn Ferdinand Müller und später Herrn Karl Becker.

 

Neu war jedoch das mittlere Schulwesen in Weinheim nicht: Mehr als 15 Jahre lang hatte es bereits zwei Realschulzüge (bzw. Mittelschulzüge, wie sie zunächst genannt wurden) gegeben. Auch die­se stellten nicht den Anfang dar; dieser lag in der unmittelbaren Nach­kriegszeit.

Im Jahre 1949 wurden sowohl an der Pestalozzischule wie auch an der Friedrichschule – beide Schulen waren damals Grund- und Hauptschulen - „Sprachklassen" gebildet, die dadurch gekennzeichnet waren, dass ihre Schüler Englischunterricht und ein umfangreicheres Stoffangebot in den übrigen Fächern erhielten. 1954 stellte die Stadtverwaltung beim Kultusministerium den Antrag auf Er­richtung eines Aufbauzuges (Mittelschulzuges) durch die Umwandlung der Sprachklassen in Aufbauklassen. Dies bedeutete: zehnjähriger Schulbe­such (statt 8 Jahre Volksschule), Unterricht nach eigenem Lehrplan mit Englisch als Fremdsprache, Aufnahme nur nach bestandener Auf­nahmeprüfung und am Ende der Schulzeit eine Abschlussprüfung. Ein Erlass des Kultusministeriums vom 09.02.1954 beschreibt die Aufbau­klassen folgendermaßen: „Gut begabten Kindern, die mit praktischer Veranlagung eine größere Fähigkeit zum Erwerb theoretischer Erkennt­nisse verbinden, soll mit der Einrichtung von Mittelschulen oder Auf­bauklassen an Volksschulen (Mittelschulzügen) die Möglichkeit zu ei­ner vertieften Ausbildung mit erweitertem Lehrziel gegeben werden." Die hier genannten Aufgaben und Ziele sind bis in die Gegenwart (1993)  mehr­fach ergänzt, erweitert und neu beschrieben worden, aber im Wesentli­chen haben sie immer noch Gültigkeit.

Am 1.7.1955 genehmigt ein Erlass des Ministeriums einen Mittelschulzug mit je 2 Klassen vom 5.-10. Schuljahr.

In den Jahren zwischen 1955 und 1970 wuchsen die Mittelschulklassen immer mehr an, 45 Schüler in einer Klasse waren nicht selten, es gab 3 Parallelklassen verteilt auf 2 Realschulzüge, einen in der Pesta­lozzi- und einen in der Friedrichschule (aus den Mittelschulzügen wa­ren Realschulzüge geworden).

In den Realschulklassen befanden sich auch zahlreiche Schüler aus der Umgebung: von Sulzbach bis Laudenbach, von Lützelsachsen bis Schriesheim und Ladenburg. Die heutigen Realschulen in  Hemsbach, in Schriesheim und   in Ladenburg wurden erst 1972 errichtet.

Weinheim war nach dem 2. Weltkrieg eine schulfreundliche Stadt, in  der sich Stadtverwaltung und Gemeinderat darin einig waren, den Schulen möglichst gute Unterrichtsbedingungen zu schaf­fen.

Der Bedarf an Schulraum war hoch. Kaum hatte man eine Schule ge­baut (Bachschule 1950, Waldschule 1952, Gymnasium 1954 erster Er­weiterungsbau, Albert-Schweitzer-Schule 1957), stellte sich an anderer Stelle schon wieder neuer Bedarf heraus; insbesondere im Gymnasium (heute Heisenberg-Gymnasium) wuchs die Schülerzahl in unerwartetem Maße. Als man erkannt hatte, dass der Raumbedarf des Gymnasiums mit Anbauten nicht zu decken sei, entschloss man sich zu einer großzügigen, weitreichenden Lösung: Im Jahre 1966 beschloss der Gemeinderat den Bau eines Schulzentrums im Gewann Mult. Dieser Beschluss wurde 1967 ergänzt: es sollte eine Ge­samtschule für 2000 Schüler errichtet und damit endgültig jegliche Schulraumnot in Weinheim beseitigt werden. Im Zusammenhang da­mit standen vielfältige schulorganisatorische Umstrukturierungen, so auch die Gründung einer eigenständigen Realschule in der Friedrichschule durch Zusammenlegung der beiden Realschulzüge, die bisher an der Pestalozzi- und an der Friedrichschule bestanden hatten So erfreulich diese Vereinigung der Realschulzüge aus schulischer Sicht war, so schwierig war ihre Verwirklichung: Geplant war  eine zwei­zügige Realschule mit 12 Klassen in der Friedrichschule, dort war Platz für 12 Klassen.  Die Real

schule umfasste 1970/71  aber 21 Klassen mit insgesamt 736 Schülern. Laut Schulplanung sollte sich diese Zahl ab Eröffnung der Gesamtschule wegen der Schüler, die dort den Realschulabschluss anstrebten, jährlich um mindestens eine Klasse verringern und somit zur Zweizügigkeit führen. Zunächst jedoch konnten die 21 Klassen nur dadurch untergebracht werden, dass 9 Klassen in der Pestalozzischule verblieben. Im darauffolgenden Jahr (1971/72) be­anspruchte die Hauptschule den Platz in der Pestalozzischule, die im­mer noch 9 „überzähligen" Realschulklassen wurden im Haus Bismarckstraße 13a untergebracht, ein Haus, dessen Räume jedoch als Wohnräume, nicht als Klas­senzimmer gebaut worden waren. Weder die Grundfläche der Räume noch die Deckenhöhe, weder die Breite der Flure noch die der Treppenhäu­ser entsprachen den Erfordernissen. Das begrenzte Fassungsvermögen der einzelnen Räume hatte zur Folge, dass in die dortigen Unterstufen-Klassen nur eine begrenzte Anzahl von Schülern aufgenommen werden konnte, die anderen muss­ten abgewiesen werden.

Die Klassen der Oberstufe waren der Fachräume wegen in der Friedrich­schule untergebracht.

1974 war immer noch keine Verringerung der Schüler- und Klassen­zahlen in Sicht; deshalb stellten Schulleitung und Elternbeirat einen Antrag auf Schaffung neuen Schulraums. Der Notbehelf Bismarckstraße war auf die Dauer unerträglich.

Niemand hatte erwartet, dass nach dem Bezug der Multschule, nach Schaffung der Schulzentren in Hemsbach und Schriesheim, nach Grün­dung der Realschule in Ladenburg trotzdem in Weinheim noch Schulraum fehlen würde.

Eine Ursache lag sicher in der Bevölkerungszunahme: Die Einwoh­nerzahl in Weinheim war von 20 228 im Jahre 1945 auf 29 571 im Jahre 1971 gestiegen, eine Zunahme um rund 50%. Auch nach 1971 nahm sie noch zu.

Von noch größerer Bedeutung waren aber bildungspolitische Gesichts­punkte: Pichts Warnungen vor einer Bildungskatastrophe, seine For­derungen nach mehr Abiturienten - 50% eines Jahrgangs waren erklär­tes Ziel der Bildungspolitik -,  der Appell „Schick Dein Kind auf besse­re Schulen"  - diese Forde­rungen verfehlten ihre Wirkung nicht. Das zeigte sich nicht nur in einem verstärkten Zustrom zum Gymnasium, sondern auch im Zustrom zur Realschule, vom Andrang zur Gesamt­schule ganz abgesehen

Letztlich ging die Zahl der Realschüler auch deswegen nicht zurück, weil jährlich ca. 30 Schüler von anderen Schulen kommend in die Klassen 6-10 der Friedrich-Realschule eintreten wollten. Dieser Schüler­zustrom konnte nur durch die Bereitstellung neuen Schulraums aufge­fangen werden.

Am 17.06.1976 fasste der Gemeinderat den Beschluss für einen Erweite­rungsbau an der Friedrichschule. Am 04.10.1978 wurde dieser eingeweiht. Acht Jahre nach Gründung der Friedrich-Realschule waren erstmals alle Klassen in einem Haus vereinigt, standen erstmals die erforderli­chen Klassenräume und alle Fachräume samt Ausstattung zur Verfü­gung. Eine Gymnastikhalle im Neubau milderte die Raumnot im Sporthallenbereich, da bislang für die Grundschule und die Real­schule nur eine einzige Turnhalle zur Verfügung gestanden hatte. Ein Mangel blieb jedoch: der Friedrichschule fehlte - wie auch den an­deren um die Jahrhundertwende erbauten Schulen in Weinheim - ein Sportplatz. Zeitweilig war der „Bolzplatz" am Langmaasweg für Spiel, Wurf, Lauf benutzt worden, aber als er von der Firma Freudenberg erworben und bebaut worden war, standen nur noch der Schulhof oder die Siegfriedstraße zur Verfü­gung, eine untragbare Lösung. 

Im Jahre 1982 begann die Suche der Stadtverwaltung  nach einem geeigneten Sportgelände in Schulnähe. 1987 wurde man fündig und im September 1989 konnte der Sportplatz am Rottenstein seiner Bestimmung übergeben werden. Somit waren die  ersten 20 Jahre der Friedrich-Realschule  mit der Lösung von Raumproblemen verbunden.

Am Ende des ersten Vierteljahrhunderts lässt sich die äußere Situa­tion folgendermaßen beschreiben:

Die Friedrich-Realschule befindet sich in einem schönen denkmal­geschützten Gebäude aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts, dessen At­mosphäre niemand missen möchte. Sie verfügt über genügend Unterrichtsräume, konnte in den Jahren nach 1986 sogar noch zusätzli­che Fachräume einrichten, weil nach dem Scheitern des Gesamtschulversuchs, nach der Gründung einer zweiten Realschule in Weinheim - der Bonhoeffer-Realschule - nun die Friedrich-Realschule zweizügig geworden ist. Dagegen hat sich die Bonhoeffer-Realschule zur Dreizügigkeit entwickelt, wozu der Ganztagsbetrieb mit Mittages­sen und Betreuung in der Mittagspause und am Nachmittag zweifellos erheblich beigetra­gen hat. Für viele berufstätige Eltern dürfte diese Möglichkeit ein wich­tiger Gesichtspunkt bei der Schulwahl sein.

Die Friedrich-Realschule ist heute (1995) mit allem ausgestattet, was für ei­nen erfolgreichen Unterricht notwendig ist, unter anderem erhielt sie 1982 eine neue Schulbibliothek, ein Modellprojekt des Bundes, das weithin Be­achtung fand. Letzte Anschaffungen waren 1993               
eine neue Schulküche und 1994 neue Computer.

Die Klassenstärke liegt im Schuljahr 1994/95 bei 23 Schülern pro Klas­se, 1970 waren es durchschnittlich 35. Sie ermöglicht eine intensive un­terrichtliche Betreuung des einzelnen Schülers. Die leicht überschau­bare Größe der Schule mit 281 Schülern in 12 Klassen und 23 Lehrern ist ein nicht zu unterschätzendes Merkmal dieser Schule. Alle äußeren Voraussetzungen für einen erfolgreichen Unterricht sind gegeben.

In den Jahren 1993 bis 2003 lag die Schulleitung in den Händen von Herrn Dr. Jürgen Stemmler und Frau Doris Bretzer. Die ersten Jahre des 21. Jahrhunderts standen ganz im Zeichen der Generalsanierung des Schulgebäudes, insbesondere von Frau Bretzer in die Wege geleitet. Herr Klaus Fanz,  neuer Schulleiter seit 2003, setzte die Generalsanierung zusammen mit Herrn Konrektor Willy Schröder auf schulischer Seite um. Die Stadt Weinheim klotzte, kleckerte nicht: Von der vollkommen Neugestaltung des naturwissenschaftlichen Traktes bis hin zur detailgenauen Sanierung der Jugendstilbrunnen reichte die Arbeitspalette, die die Stadt 5 Mio. Euro kostete. Im Wesentlichen wurden alle Klassenzimmer und die Turnhalle bestandserhaltend von Grund auf renoviert. Umgebaut und verlagert wurden der gesamte Fachraumbereich sowie die Verwaltungen beider Friedrichschulen. Hervorstechend und für Jahre zukunftsweisend ist die Ausstattung in den naturwissenschaftlichen Räumen. Auf den Fluren und in den Klassenzimmern verströmen die graue Farbe der Holzverkleidungen und das intensive Holzbraun der Türen und Rahmen schon optisch Ruhe und fast Behaglichkeit.

Das Jahr 2004 brachte für alle Realschulen im Land mit dem neuen Bildungsplan einen  Paradigmenwechsel des  Lehrens und Lernens. In  neuen  Fächerverbünden und themenorientierten Projekten werden Kompetenzen erworben, nicht Inhalte gelehrt. Das Bildungsziel ist auf die Kompetenzansammlung  beim jungen Menschen gerichtet, insbesondere was soziale Kompetenzen wie Teamfähigkeit oder fachliche Kompetenzen  betrifft, die im besten Fall  bei  der selbstständigen Annäherung des Schülers an die Lerninhalte erworben werden. Medienkompetenz zielt in erster Linie auf den gewinnbringenden Gebrauch des Computers als Kommunikations- bzw. Rechercheinstrument, seinen Gebrauch als Arbeitsmittel und Werkzeug im technischen Bereich. Die Friedrich-Realschule hat sich in dieser Hinsicht sehr gut ausgestattet, z.B. können Lehrer in einigen Klassen- und allen Fachräumen mit Computer und Beamer unterrichten.

Die Friedrich-Realschule bewegt sich  auf der Lehrerseite einem Generationenwandel entgegen, die Schülerzahl liegt im Jahre 2010 bei 385 Schülern in 14 Klassen.  Das Übergangsverhalten von Grundschülern hat sich in den letzten Jahren noch mehr zum Gymnasium hin orientiert. In manchen Jahren wählten nur mal 20% die beiden Realschulen in Weinheim. Mit der Einführung des achtjährigen Gymnasiums und dessen Anforderungen ist festzustellen, dass sowohl mehr Kinder mit gymnasialer Empfehlung die Realschule besuchen, dass aber auch deutlich mehr Kinder nach den ersten Klassen im Gymnasium den Wechsel zur Realschule vollziehen. Insofern hat sich auch ein neues „G9“ entwickelt, die Absolvierung der Realschule plus anschließender dreijähriger Oberstufe in einem beruflichen Gymnasium.

Im Jahre 2010 wurde der Schule das BORIS-Siegel der Landesstiftung Baden -Württemberg verliehen, eine Auszeichnung, die die Unternehmungen der Schule in die Richtung Berufsorientierung würdigt.

Reinhold Wagner, Rektor i.R.

Klaus Fanz